Wustmann(1903) Ich bin gestanden oder ich habe gestanden: Unterschied zwischen den Versionen

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|Überschrift=''Ich bin gestanden'' oder ''ich habe gestanden''?
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|KapitelText=Ufm Bergli ''bin i gsässe'', ha de Vögle zugschaut; ''hänt gesunge'', ''hänt gesprunge'', ''hänt's'' Nestli ''gebaut'' — heißt es in Goethes Schweizerlied. Ich ''bin gesessen, gestanden, gelegen'' ist das Ursprüngliche, ist aber in der Schriftsprache längst durch ''habe gesessen, gestanden, gelegen'' verdrängt. Nur mundartlich lebt es noch fort, und in einer bayrischen oder österreichischen Erzählung aus dem Volksleben läßt man sichs auch gern gefallen; in einem wissenschaftlichen Aufsatz; ist es unerträglich. Wie köstlich aber ist das ''hänt gesprunge''! Die Verba der Bewegung bilden ja das Perfektum alle mit ''sein''; manche können aber daneben auch ein Perfektum mit ''haben'' bilden, nämlich dann, wenn das Verbum der Bewegung eine Beschäftigung bezeichnet. Schon im fünfzehnten Jahrhundert heißt es in Leipzig: Der Custos zu S. Niclas ''hat'' mit dem Frohnen nach Erbgeld ''gangen'', d. h. er hat den Auftrag ausgeführt, das Geld einzusammeln. Und heute heißt es allgemein: vorige Woche ''haben'' wir ''gejagt'', aber: ich ''bin'' in der ganzen Stadt ''herumgejagt'', eine Zeit lang ''bin'' ich diesem Trugbilde ''nachgejagt''; wir ''haben'' die halbe Nacht ''getanzt'', aber: das Pärchen ''war'' ins Nebenzimmer ''getanzt''. Jedermann sagt: ich ''bin gereift'', nur der Handlungsreisende nicht, der sagt: ich ''habe'' nun schon zehn Jahre ''gereist'', denn das Reisen ist seine Beschäftigung! //* Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so feft, daß mir sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: Du ''bist'' wohl ''gefallen''? seelenvergnügt erwiderte: Ich ''bin'' nich ''gefallen'', ich ''hab gehuppt''.// Vgl. auch den Unterschied zwischen: er ''ist'' mir ''gefolgt'', und: er ''hat'' mir ''gefolgt'' (gehorcht).
|Buch=Wustmann(1903)
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|KapitelText=''Ufm Bergli bin i gsässe, ha de Vögle zugschaut; hänt gesunge, hänt gesprunge, hänt's Nestli gebaut'' — heißt es in Goethes Schweizerlied. ''Ich bin gesessen, gestanden, gelegen'' ist das Ursprüngliche, ist aber in der Schriftsprache längst durch ''habe gesessen, gestanden, gelegen'' verdrängt. Nur mundartlich lebt es noch fort, und in einer bayrischen oder österreichischen Erzählung aus dem Volksleben läßt man sichs auch gern gefallen; in einem wissenschaftlichen Aufsatz; ist es unerträglich. Wie köstlich aber ist das ''hänt gesprunge''! Die Verba der Bewegung bilden ja das Perfektum alle mit ''sein''; manche können aber daneben auch ein Perfektum mit ''haben'' bilden, nämlich dann, wenn das Verbum der Bewegung eine Beschäftigung bezeichnet. Schon im fünfzehnten Jahrhundert heißt es in Leipzig: ''Der Custos zu S. Niclas hat mit dem Frohnen nach Erbgeld gangen'', d. h. er hat den Auftrag ausgeführt, das Geld einzusammeln. Und heute heißt es allgemein: ''vorige Woche haben wir gejagt'', aber: ''ich bin in der ganzen Stadt herumgejagt, eine Zeit lang bin ich diesem Trugbilde nachgejagt; wir haben die halbe Nacht getanzt'', aber: ''das Pärchen war ins Nebenzimmer getanzt''. Jedermann sagt: ''ich bin gereift'', nur der Handlungsreisende nicht, der sagt: ''ich habe nun schon zehn Jahre gereist'', denn das Reisen ist seine Beschäftigung! //* Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so fest, daß mir sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: ''Du bist wohl gefallen''? seelenvergnügt erwiderte: ''Ich bin nich gefallen, ich hab gehuppt''.// Vgl. auch den Unterschied zwischen: ''er ist mir gefolgt'', und: ''er hat mir gefolgt'' (''gehorcht'').
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|Bezugsinstanz=15. Jahrhundert, bairisch-österreichisch, Goethe - Johann Wolfgang, Geschäftssprache, gegenwärtig, Leipzig, Mundart, österreichisch, Schriftsprache, ursprünglich, Kindersprache, Volk, Wissenschaftssprache
|Bezugsinstanz=15. Jahrhundert, Bayern, Österreich, Goethe - Johann Wolfgang, Geschäftssprache, gegenwärtig, Leipzig, Mundart, Österreich, Schriftsprache, ursprünglich, Kindersprache, Volk, Wissenschaftssprache
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|Zweifelsfall=Verb: Perfektbildung mit haben oder sein
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Aktuelle Version vom 7. Juni 2017, 13:53 Uhr

Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 58 - 58

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Unsicherheit
Text

Ufm Bergli bin i gsässe, ha de Vögle zugschaut; hänt gesunge, hänt gesprunge, hänt's Nestli gebaut — heißt es in Goethes Schweizerlied. Ich bin gesessen, gestanden, gelegen ist das Ursprüngliche, ist aber in der Schriftsprache längst durch habe gesessen, gestanden, gelegen verdrängt. Nur mundartlich lebt es noch fort, und in einer bayrischen oder österreichischen Erzählung aus dem Volksleben läßt man sichs auch gern gefallen; in einem wissenschaftlichen Aufsatz; ist es unerträglich. Wie köstlich aber ist das hänt gesprunge! Die Verba der Bewegung bilden ja das Perfektum alle mit sein; manche können aber daneben auch ein Perfektum mit haben bilden, nämlich dann, wenn das Verbum der Bewegung eine Beschäftigung bezeichnet. Schon im fünfzehnten Jahrhundert heißt es in Leipzig: Der Custos zu S. Niclas hat mit dem Frohnen nach Erbgeld gangen, d. h. er hat den Auftrag ausgeführt, das Geld einzusammeln. Und heute heißt es allgemein: vorige Woche haben wir gejagt, aber: ich bin in der ganzen Stadt herumgejagt, eine Zeit lang bin ich diesem Trugbilde nachgejagt; wir haben die halbe Nacht getanzt, aber: das Pärchen war ins Nebenzimmer getanzt. Jedermann sagt: ich bin gereift, nur der Handlungsreisende nicht, der sagt: ich habe nun schon zehn Jahre gereist, denn das Reisen ist seine Beschäftigung! //* Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so fest, daß mir sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: Du bist wohl gefallen? seelenvergnügt erwiderte: Ich bin nich gefallen, ich hab gehuppt.// Vgl. auch den Unterschied zwischen: er ist mir gefolgt, und: er hat mir gefolgt (gehorcht).

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Zweifelsfall

Verb: Perfektbildung mit haben oder sein

Beispiel

bin gestanden, habe gestanden, bin i gsässe, hänt gesprunge, gesprunge, bin gesessen, gestanden, habe gesessen, gestanden, gelegen, gesprungen, gangen, haben gejagt, gejagt, bin herumgejagt, herumgejagt, bin nachgejagt, nachgejegt, haben getanzt, war getanzt, getant, bin gereist, haben gereist, gereist, gefolgt, bist gefallen, bin gefallen, gefallen, hab gehuppt, gehuppt, gsässe, zugschaut, hänt gesunge, gesunge, gesprunge, hänt's gebaut, gebaut

Bezugsinstanz 15. Jahrhundert, Bayern, Österreich, Goethe - Johann Wolfgang, Geschäftssprache, gegenwärtig, Leipzig, Mundart, Österreich, Schriftsprache, ursprünglich, Kindersprache, Volk, Wissenschaftssprache
Bewertung

köstlich, unerträglich

Intertextueller Bezug