Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer denkende?
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| Buch | Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen |
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| Seitenzahlen | 207 - 209 |
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| Unsicherheit |
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In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle
| Behandelter Zweifelfall: | |
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| Genannte Bezugsinstanzen: | Schriftsprache |
| Text |
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Ein Gegenstück zu der schrittweisen Vervoll-kommnung, das freilich durch eine andre Sprach-dummheit entsteht, bilden Verbindungen wie: das einzig Richtige, der tiefer Denkende, der mittellos Ver-storbne, der mit ihm Redende u. ähnl. Da liegt der Fehler nicht im Ausdruck, sondern — in der Schrei-bung, nämlich in den törichten großen Anfangsbuchstaben, mit denen man ganz allgemein die Adjektiva und Par-tizipia solcher Verbindungen schreibt und druckt. Gewöhnlich wird gelehrt, daß Adjektiva und Parti-zipia, wenn sie kein Hauptwort bei sich haben, selber zu Hauptwörtern würden und dann mit großen Anfangs-buchstaben geschrieben werden müßten, also: die Grünen und die Blauen, alle Gebildeten. Das läßt sich hören. Nun geht man aber weiter. Man schreibt solche Adjektiva und Partizipia auch dann groß, wenn zu dem Adjektiv ein Adverb oder ein Objekt, zu dem Partizip ein Adverb, ein Prädikat, ein Objekt oder eine adverbielle Bestimmung tritt, z. B.: so Schönes, längst Bekanntes, etwas ungemein Elastisches, der minder Arme, alles bloß Technische, das eigentlich Theatralische, der wirtschaftlich Abhängige, das dem Vaterland Er-sprießliche — ein unglücklich Liebender, kein billig Denkender, der wagehalsig Spekulierende, das wahrhaft Seiende, der früh Dahingeschiedne, die mäßig Begüterten, die bloß Verschwägerten, der ergebenst Unterzeichnete, der sehnlichst Erwartete, der wahrhaft Gebildete, das glücklich Erreichte, das früher Versäumte, der hier Begrabne, das ander-wärts besser Dargestellte — der beschaulich Ange-legte, der gefesselt Daliegende, der unschuldig Hin-gerichtete, das als richtig Erkannte — die dem Ge-metzel Entgangnen, die Medizin Studierenden — die zu ihm Geflüchteten, die vom Leben Abge-schiednen, die bei der Schaffung des Denkmals Be-teiligten, die an der Aufführung Mitwirkenden, $Seite 208$ die auf die Eröffnung der Kasse Wartenden — auch: die von ihm zu Befördernden, das auf Grund des schon Vorhandnen noch zu Erreichende usw. Ist denn das richtig? Können in solchen Verbin-dungen die Adjektiva und Partizipia wirklich als Sub-stantiva angesehen werden? Ein wenig Nachdenken genügt doch, zu zeigen, daß das unmöglich ist. Wenn ich sage: der frühere Geliebte, so ist das Partizip wirklich zum Substantivum geworden; sage ich aber: der früher geliebte, so kann doch von einer Sub-stantivierung keine Rede sein. Welchen Sinn hat es nun aber, Wörter äußerlich, für das Auge, zu Haupt-wörtern zu stempeln, die gar nicht als Hauptwörter ge-fühlt werden können? Diese Fälle sollten im Unterricht dazu benutzt werden, den Unterschied zwischen einem zum Substantiv gewordnen und einem Partizip gebliebnen Partizipium klar zu machen! Wäre es richtig, zu schreiben: alles bisher Erforschte, alle vernünftig Denkenden, die im Elsaß Reisenden, die zwei Jahre lang Verbün-deten, die zur Feier von Kaisers Geburtstag Versam-melten, die durch die Überschwemmung Beschädig-ten, die auf preußischen Universitäten Studierenden, der wegen einer geringfügigen Übertretung Angeklagte, wäre es möglich, alle diese Partizipia als Substantiva zu fühlen — und nur darauf kommt es doch an! —, dann müßte man auch sagen können: alle bisher Forscher, alle vernünftig Denker, die im Elsaß Reise, die zwei Jahre lang Verbindung, die zur Feier von Kaisers Geburtstag Versammlung, der durch die Überschwem-mung Schade, die auf preußischen Universitäten Stu-denten, die wegen einer geringfügigen Übertretung Anklage. Wollte man hier wirklich eine Substantivie-rung annehmen und äußerlich vornehmen, so könnte das doch nur so geschehen, daß man die ganze Bekleidung mitsubstantivierte und schriebe: die Wirklich oder an-geblich minderbegabten, jeder Tieferindiegoethe-studieneingedrungne. So verfährt man ja wirklich bei kurzen Zusätzen, wie: die Leichtverwundeten, der Frühverstorbne, die Fernerstehenden, die Wenigerbegabten. $Seite 209$ Nun könnte man sagen: gut, wir wollen da, wo Ad-jektiva und Partizipia allein stehen, sie mit großen An-fangsbuchstaben schreiben; treten sie mit adverbiellen Zu-sätzen aus, so mögen sie mit dem kleinen Buchstaben zu-frieden sein. Was soll denn aber dann geschehen, wenn beide Fälle miteinander verbunden sind, was sehr oft geschieht, z. B.: das unbedeutende, in der Eile hin-geworfne — etwas selbstverständliches, mit Händen greifbares — etwas großes, der ganzen Menschheit ersprießliches — eine nach dem pikanten, noch nicht dagewesenen haschende Phantasie — mit Verzicht auf das verlorne und zu unsrer Sicherheit unbedingt not-wendige? Soll man da abwechseln? das eine klein, das andre groß schreiben? Das vernünftigste wäre ohne Zweifel, man beschränkte die großen Anfangsbuchstaben überhaupt auf die wirk-lichen Substantiva und schriebe alles übrige klein. Dahin wird es in Deutschland wohl nie wieder kommen. Aber zu schreiben: das durch redlichen Fleiß Gewonnene, und sich und andern einzureden, Gewonnene sei hier ein Substantivum, ist doch ein Verbrechen an der Logik. Aber auch das schrittweise Gewonnene ist Unsinn. Denn wäre Gewonnene ein Hauptwort, dann könnte schrittweise nur ein Eigenschaftswort sein, und das ist es nicht; ist aber schrittweise ein Adverbium, dann kann Gewonnene nur eine Verbalform sein, und das ist es ebenfalls nicht, sowie man es mit G schreibt. |
| Zweifelsfall | |
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| Beispiel | |
| Bezugsinstanz | |
| Bewertung |
richtig, Sprachdummheit, törichten, unmöglich, Unsinn, Verbrechen an der Logik |
| Intertextueller Bezug |

